Der Beginn einer neuen Liebe

Hauptpersonen: 2 Foxhound-Mädchen:
die 5-jährige MOUSY und die 1-jährige MICKEY
und - ganz am Rande - die beiden Menschen: Mutter und Tochter Bassi

Es war Ende Januar 2000 und das Haus seit einem Monat entsetzlich leer. Meine beiden lieben Wildhundmischlinge Putzi und Gipsy sind nach über 16 Jahren nicht mehr bei mir und mein Entschluss stand inzwischen fest: Die beiden würden auch wollen, dass zwei neue Hunde hier einziehen und eine Heimat finden.
Am 25. Januar gehe ich das erste Mal auf die Suche im Internet. Das Tierheim Tuttlingen hat dort eine eigene Homepage und stellt immer mal wieder Notfälle vor. Dieses Mal sind nur junge Rüden zu vermitteln - für meine 81-jährige Mutter, bei der ich im Haus lebe, zu temperamentvoll.
Ich klicke mich weiter durch die Links und lande schließlich bei der IG Labortiere in Not.
Kurz danach ist auch schon der Kontakt zu Herrn Hiesener bei Hamburg hergestellt, dem ich meinen Wunsch nach zwei Hündinnen erzähle. Und hier hatte wohl das Schicksal die Hand im Spiel - er suche einen Abnehmer für zwei Foxhound-Hündinnen, die nur gemeinsam abgegeben werden.
Foxhound? - Für mich bis jetzt nur ein vager Begriff von alten Gemälden und von der grausamen Fuchshetzjagd in England. Aber egal, ich klärte die Situation mit meiner Mutter und sagte noch am selben Abend Herrn Hiesener zu.
Die beiden Mäuse, wie wir sie nun nennen, sind eine 5-jährige Dame und ein 1-jähriges Mädchen, waren bis jetzt in einer Box zusammen und müssen beieinander bleiben.
Inzwischen habe ich alle Beagle-Geschichten auf der Homepage gelesen und weiß also, was auf mich zukommt. Angst habe ich nicht davor, da meine beiden vorherigen Hunde auch arme Wesen waren. Herr Hiesener nimmt Kontakt mit dem Professor auf, der die beiden auf jeden Fall noch kastrieren will, was am 16. Februar dann auch klappte. Bereits am 26. Februar - einem Samstag - bin ich zusammen mit meiner Mutter auf dem Weg nach Göttingen. Wir wollten uns dort mit dem Ehepaar Hiesener treffen, so hatte jeder nur etwa die Hälfte des Weges, denn die Mäuse sollten ja nach Trossingen in Süddeutschland.

 

Gegen 12:00 Uhr trafen wir bei der Familie Hofmann ein, die zwei Wochen zuvor schon einen Beagle von Herrn Hiesener erhalten hatte und gerne bereit ist, beim Besitzerwechsel zu assistieren. Immerhin ist es für alle Beteiligten Neuland, denn bisher hatte man Erfahrung mit Beagles, aber nicht mit den größeren Verwandten. Ein bisschen mulmig war mir schon, denn ich wusste ja rein gar nichts von den beiden. Der erste Blick auf die Mäuse ließ mir dann auch den Atem stocken - einmal wegen ihrer Größe, vielmehr aber noch wegen ihrer Schönheit. Die jüngere, heute die Mickey (weil wir immer von den Mäusen geredet haben) ist die dreifarbige elegante Foxhound-Hündin mit klarem Windhundeinschlag, so wie man sie heute in Frankreich sieht. Die ältere, meine Mousy heute, ist die gelb-weiße, etwas schwerere Hündin mit einem Anflug schwarz über den Rippen, die eher die konservative englische Zucht vertritt.

Natürlich waren sie nach der Autofahrt und im Garten ziemlich verängstigt, aber auch sehr lieb und verträglich, und so konnten sich auch die Menschen untereinander endlich bekanntmachen. Leider war der Aufenthalt nur sehr kurz und wir düsten mit den beiden Mädchen wieder Richtung Süden.

Zuhause war es dann ein schweres Stück Arbeit, die beiden über die Garageneinfahrt nach hinten in den Garten zu lotsen und von dort über die Terrasse ins Haus - immer in der Angst, sie könnten sich losreißen und verschwinden. Eigentlich durch den Zaun unmöglich, aber wußte ich, was die beiden können?

Wir hatten im Vorbau direkt an der Terrassentür eine große Matratze gerichtet, auf die sich die beiden schon am ersten Abend so ab 20:00 Uhr zurückzogen. Trotzdem habe ich vier Nächte bei ihnen auf der Couch verbracht, damit sie nicht allein waren. Es waren kurze Nächte, denn ziemlich genau um 5:00 Uhr waren die beiden putzmunter und wollten "action". Nachdem ich wieder in mein eigenes Bett gezogen bin, werde ich nur noch hin und wieder übers Babyfon geweckt, wenn eine der beiden träumt oder wenn sie morgens (jetzt nach der Sommerzeit um 6:00 Uhr) lautstark aufwachen.

Die ersten Tage war auch im Garten nur die Leine angesagt, mit dem Resultat, dass man Bächlein und Häufchen immer im Wohnzimmer los wurde. Inzwischen gehört der Garten den beiden bis zur letzten Blumenzwiebel. Außerdem anfänglich dreimal täglich für jeweils ein bis zwei Stunden auf die großen Wiesenflächen in der Nähe - natürlich an der Leine. Auch hier hatte man für nichts Zeit, außer zum Schnuppern und Frauchen durch die Wiesen ziehen. Meine Kondition steigerte sich enorm.

Heute sind es genau 5 Wochen, dass die Mädchen zu uns kamen und sie sind nicht mehr wegzudenken aus unserem Haushalt. Die ersten Tage waren geprägt von Angst - hauptsächlich bei Mousy und Neugier - die wesentliche Eigenschaft bei Mickey.

Wir (und wenn ich wir sage, meine ich mich ebenso) mußten als erstes lernen, wie man Wasser aus einem Napf trinkt, dass eine dunkle Ecke keine Gefahr birgt, dass der Fernseher nicht beißt und die Türe einen nicht erschlägt. Dass Treppen zum Steigen sind und nicht zum Drüberspringen, dass der Garten groß genug ist, um Häufchen und Bächlein unterzubringen, dass das Haus eine Haustüre hat, durch die man Gassi geht, und ein Obergeschoss, in das man auch - wenn auch nach langer Übung erst - über die Treppe kommt.
Dort hat Frauchen ihr Bett und das hat die Mousy sofort gespürt, sie, die so ängstlich ist, war mit einem Satz drin. - Dort gibt's auch den Balkon, von dem man so schön runtersieht.
Im Wohnzimmer haben wir inzwischen das Erkerfenster zur Straße hin erobert, dort liegt man herrlich weich und kann schlafen, schauen, schimpfen - man sieht auch alles: Vögel, Katzen, bekannte Hunde, Menschen, Briefträger - den wir sehr mögen - etc. Die Matratze im Vorbau ist inzwischen verwaist, die Couch ist nachts ein viel schöneres Bettchen, hier kann man auch zusammenkuscheln.

Wir haben jetzt lange Schleppleinen, an denen wir Gehorsam trainieren und auch mal loslaufen können. Täglich treffen wir mindestens 10 andere Hunde, mit denen wir jetzt schon frei laufen - allerdings immer nur eine der beiden. So kann ich sicher sein, dass keine fortläuft. Sie hängen sehr aneinander und was die eine tut, macht die andere sofort nach. Nur eine Hürde hat Mousy noch: Wenn Mickey in die Küche geht, steht sie im Wohnzimmer und bellt, sie will zwar auch, aber sie traut sich noch nicht.
Wir können schon Komm, Sitz, Platz, Steh, Fuß, das Wort Gutiguti ist eine Zauberformel, der Pfiff mit der Trillerpfeife hat draußen auf der Wiese schon zu 50 % Erfolg, selbst wenn man 200 m weg ist. Wenn man spielt, ist mein Befehl allerdings so interessant für sie, als wenn in China ein Sack Reis umfällt.
Ich selbst bekomme keinen Herzinfarkt mehr, wenn Mickey den vierten großen Hund beim Rennen verschlissen hat und noch eine Runde für sich dreht. Wenn meine Mutter und ich essen wollen, ist es noch ein Problem, denn die beiden haben in Windeseile Betteln gelernt. Dadurch, dass sie so groß sind (Mousy ist etwas größer als ein Schäferhund, die Mickey noch eine Handbreit höher), reichen die beiden leicht auf den Tisch, was sie natürlich weidlich ausnutzen. Hier sind dann immer ein paar energische Worte angebracht, was Mousy zum Abliegen bringt und Mickey veranlasst, durchs Wohnzimmer zu springen und entrüstet zu bellen.
Wir konnten schon vor lauter Lachen nicht mehr essen, so herrlich ist der Anblick. Es macht viel Freude zu sehen, wie sie sich von Tag zu Tag mehr entwickeln und immer mal wieder eine neue Eigenschaft zutage tritt.

In der Rückschau bin ich jetzt nach den ersten Wochen überglücklich, dass wir uns zu den beiden entschlossen haben. Sie bestätigen einfach ein paar Erfahrungen, die ich auch bei den früheren Hunden gemacht habe: Wo ein Hund ist, passt auch ein zweiter rein. Mit Liebe und Konsequenz kann man jeden Hund zum freudigen Gehorsam erziehen, auch Foxhounds, die mit ihrer Beagle-Verwandschaft sehr viel gemeinsam haben, aber hauptsächlich den eigensinnigen Dickschädel. Die beiden haben in unser Leben so viel Freude gebracht, dass man großzügig über angeknabberte Teppiche und Dreckpfoten frisch aus dem Garten hinwegsehen kann. Wir sind jetzt einfach wieder rundherum glücklich und ich hoffe, unsere beiden Hundemädchen sind es auch.
Dankbar bin ich dafür dem Labor, das sie so blitzblank gewaschen, mit Kastration, Impfungen und Futter versorgt abgegeben hat, Herrn und Frau Hiesener, die das Ganze erst möglich gemacht haben, die meine Ungeduld vier Wochen lang ertragen haben und so freundlich waren, mir soweit entgegen zu fahren, und nicht zuletzt der Familie Hofmann, die uns mit Kaffee erfrischte und in deren Garten die beiden schon ein paar Spuren hinterlassen haben.

Allen Beteiligten nochmals ganz herzlichen Dank - ich hoffe, wir sehen uns bei einem der nächsten Laborhunde-Treffen.

Trossingen, 2. April 2000

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